Handyverbot an Schulen – eine Frage der Haltung

Rund um das Handyverbot an französischen Schulen setzte sich auch in Deutschland eine weitreichende Diskussion in den alten und neuen Medien in Gang. Viele Kommentare forderten eine ähnliche Lösung auch für Deutschland. Hierzulande hat bislang nur der Freistaat Bayern mit einem landesweiten Verbot für Smartphones und Handys Erfahrungen gesammelt. Wir haben ein wenig recherchiert und die wichtigsten Informationen an dieser Stelle zusammengestellt. Unser klares Fazit: Habe Mut, dich deines eigenen Handys zu bedienen!

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Foto: library_mistress CC BY https://flic.kr/p/5ygt81

Klarstellung: Absolutes Handyverbot wurde in Frankreich abgeschafft

Bei genauerem Hinsehen und Vergleich der Gesetzestexte in Frankreich (2010 und 2018) zeigt sich, dass das absolute Handyverbot an französischen Schulen von 2010 gar nicht neu eingeführt sondern tatsächlich gelockert wurde. Der seit 2010 bestehende Artikel L511-5 im Schulgesetz, der die Nutzung von Mobiltelefonen in der Schule kurz und knapp verboten hatte, wurde mit der Neuregelung dahingehend verändert, dass pädagogisch sinnvolle Nutzung nun ausdrücklich erlaubt ist. Dass Präsident Emmanuel Macron diese Neuregelung nun als ihr genaues Gegenteil verkauft und damit als ein eingelöstes Wahlversprechen, zeugt auch von der französischen Sommerpause, in der keiner mehr so genau hinzuschauen scheint. Und von der Erkenntnis der verantwortlichen Politiker, dass Medienbildung in der Schule ermöglicht werden muss, um Kinder und Jugendliche nachhaltig in Medienkompetenz zu schulen.

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Absolutes Handyverbot 2010

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Handyverbot 2018 mit Ausnahmen

Handyverbot oder Handygebot? Letztlich geht es bei der Frage nach Verbot oder Gebot um eine Haltungsfrage. Der angemessene Umgang mit modernen Medien muss als eine Kulturtechnik erlernt und eingeübt werden und selbstverständlich bei den fortschreitenden Veränderungen auch begleitet und laufend neu verhandelt werden.

Neue Medien – Mission: Impossible

Wer sich den Veränderungsprozess beim Umgang mit neuen Medien vor Augen führen möchte, dem sei der Direktvergleich der ersten Ausgabe der Filmreihe Mission: Impossible von 1996 zur aktuellen Ausgabe von 2018 ans Herz gelegt. Man könnte meinen, der Hauptdarsteller Tom Cruise habe sich in über 20 Jahren weniger verändert als die verwendeten Geräte. Was in der ersten Ausgabe von 1996 noch Hightech für Geheimagenten war (GPS, Internetzugang, Suchmaschine, Laptop, Mobiltelefon, Smartwatch, Kamerabrille, AI, Videotelefonat, Spracherkennung usw.), hat mittlerweile den Massenmarkt erreicht und jede(r) Lehrende oder Lernende nutzt die ein oder andere Gadget-Variante tagtäglich. Und was sich früher über mehrere Geräte verteilte, ist heute im sogenannten Smartphone zusammengefasst. Dejan Mihajlovic hat einmal den Direktvergleich angestellt.

Medienkompetenz ist Gestaltungskompetenz

Der Umgang mit neuen Medien wird in Schulen in Deutschland zunächst und zumeist negativ verhandelt: als Gefahrenquelle, Störfaktor und Mobbinginstrument. Sicherlich ist diese negative Potential in den Geräten bereits mit angelegt. Allerdings können neue Medien im Schulkontext nicht darauf reduziert werden. Medienkompetenz bedeutet auch und vor allem Gestaltungskompetenz. Eine wichtige Aufgabe der Schule ist es, diese Gestaltungskompetenz zu nutzen und einzuüben.

Digital Divide: Neue Medien an und für sich

Der der in den 90er Jahren viel beschworene Digital Divide verläuft im 21. Jahrhundert längst nicht mehr zwischen denjenigen, die über einen Internetzugang verfügen und jenen, die davon ausgeschlossen sind. Der Internetzugang „an sich“ ist geregelt: mittlerweile sind alle online und es gehört schon eine große Portion Willenskraft dazu, offline zu sein und zu bleiben. Dies sollte uns jedoch nicht glauben machen, dass damit alle Probleme gelöst seien. Denn neue Gräben öffnen sich und werden immer weiter.
Der neue Graben – the second Digital Divide – beschreibt, was der an sich vorhandene Internetzugang „für mich“ bedeutet und was ich aufgrund meiner Ausbildung und meines Hintergrunds damit anstellen kann. Und hier zeigt sich: die ärmeren Bevölkerungsschichten nutzen die Zugangsgeräte mehrheitlich, um Inhalte zu konsumieren, die reicheren Personen lernen hingegen bewusst den gestalterischen Umgang mit den neuen Medien. Mit der fortschreitenden Digitalisierung der Arbeitswelt droht sich dieser Graben noch zu vergrößern. Die Schule ist hier in der Pflicht gegenzusteuern und ausgleichend zu wirken.

Kapitalismus und die Tricks der Werbeindustrie

„Du bist nicht der Kunde, sondern das Produkt.“ So lässt sich der Grundgedanke der meisten internetbasierten Geschäftsmodelle auf den Punkt bringen: Suche mit Google, Chat mit Whatsapp, Fotos mit Instagram, Likes auf Facebook… Alles kostenlos und doch nicht umsonst. Das Produkt sind wir als Nutzer*innen, deren Daten in Sekundenbruchteilen von Datenhändlern im Hintergrund meistbietend versteigert und verkauft werden. Die Geschäftsmodelle laufen mittlerweile mit derart hohen Gewinnmargen, dass einige als faire Lösung vorschlagen, dass die Plattformbetreiber ihre Kostenlos-Nutzer für die Nutzung eigentlich bezahlen sollten.

Fazit: Habe Mut, dich deines eigenen Handys zu bedienen

Der Umgang mit neuen Medien ist und bleibt eine Haltungsfrage. Ein generelles Verbot signalisiert, dass sich die Schule dem Problem entziehen könnte. Ein generelles Gebot würde ins andere Extrem umschlagen. Wir sprechen uns ausdrücklich für ein sinnvolles Gleichgewicht von Verbot und Gebot aus. Richtig gelesen ist das neue französische „Handyverbot“ ja auch ein „Handygebot“, und der Freistaat Bayern hat dies längst erkannt. Lernt und übt den sinnvollen Umgang mit den Geräten im Unterricht. Lernt die Geräte auch einmal auszuschalten (Flugmodus gilt nicht!), genießt die ungestörte Ruhe und Konzentration und die Erkenntnis, dass die Welt auch nach einer Stunde offline nicht untergegangen ist. Schaut Videos, aber dreht auch eigene Filme und Reportagen. Wisst um die Macht von Bildern und ordnet Fakten im Internet ein. Schafft geschützte Räume für Kommunikation, Austausch und Partizipation: für eure Schule, euren Unterricht, euer Lernen.

Edkimo. Lernen gestalten.

Mit der Edkimo-App können Sie erprobte Kurzfragebogen verwenden, eigene Fragen dazu ergänzen und eigene Vorlagen entwerfen. Die Online-Befragung erfolgt schnell und einfach. Sie erhalten unmittelbar die Ergebnisse und können Sie direkt mit Ihrer Klasse besprechen. Tipps zum Feedback-Gespräch finden Sie hier.
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Soziale Netzwerke in der Schule: Whatsapp überholt Facebook

Die aktuelle Bitkom-Studie Kinder und Jugend 3.0 mit dem Schwerpunkt Internet und Soziale Netzwerke in der Schule liefert überraschende und zugleich eindeutige Ergebnisse:

  • Das Smartphone ist für Jugendliche der wichtigste Zugang zum Internet.
  • Ab 10 Jahren sind (fast) alle online.
  • WhatsApp überholt Facebook.

Im Rahmen der Studie wurden im Auftrag von BITKOM 962 Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren befragt. Die Umfrage ist repräsentativ. Für die Durchführung waren Bitkom Research und das Marktforschungsinstitut Forsa verantwortlich.

Ergebnisse im Überblick

Laut BITKOM gehen heutzutage 89 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit dem Smartphone ins Internet. Andere mobile Endgeräte wie Tablets spielen einer geringere Rolle.
 
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Die Nutzungsdauer steigt mit zunehmendem Alter. Ab 10 Jahren sind bereits 94 Prozent der Befragten durchschnittlich 22 Minuten pro Tag online, ab 16 Jahren sind wirklich alle Personen im Durchschnitt fast 2 Stunden täglich im Internet unterwegs.
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Interessant ist auch die Frage, welche Sozialen Netzwerke in der Schule bzw. bei Kindern und Jugendlichen allgemein eine Rolle spielen. Whatsapp hat Facebook bei den Jüngeren längst überholt. Auch bei dieser Frage zeichnet sich ein Trend zum mobilen Internet ab.
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Was bedeuten diese Erkenntnisse zum Thema „Soziale Netzwerke bei Kindern und Jugendlichen“ für den Schulalltag und die Unterrichtspraxis?

  • Für Lehrkräfte und auch Schulbuchverlage ändert sich damit eine ganze Menge, wie Lehrerfreund.de treffend formuliert: „Die didaktischen Facebook­Kniffe („Schreibe einen Facebook­Post, bei dem …“; „Begründe, warum du dieses Argument auf Facebook liken würdest …“) werden in näherer Zukunft bei Sechstklässler/innen auf Unverständnis stoßen. Sie kennen Facebook einfach nicht mehr. „
  • Für Schulen, die eine moderne Internetstrategie und Medienpädagogik anstreben, dürften sich Schwerpunkte verschieben und die technische Ausstattung der Computerräume oder Tablet-Klassensätze zukünftig eine immer geringere Rolle spielen. Hier geht der Trend in naher Zukunft auch im Schulalltag zu „mobile first/mobile only“, Internet-Zugangsgerechtigkeit und „bring your own device (BYOD)“.
  • Für Schülerinnen und Schüler spielt die technische Ausgestaltung sozialer Netzwerke eine viel geringere Rolle als deren soziale Funktion. Und da niemand weiß, wie lange noch Whatsapp aktuell ist, lohnt es sich von Zeit zu Zeit einfach bei den Schülern nachzufragen: Wie lernt ihr eigentlich? Wie bereitet ihr euch auf Klassenarbeiten vor? Wie macht ihr Hausaufgaben?

Soziale Netzwerke in der Schule: Dabei sein mit Whatsapp

Zur Zeit gibt es beim Thema Soziale Netzwerke in der Schule nur eine Antwort und diese lautet: Whatsapp. Wer als Lehrkraft dabei sein will, bittet einfach die Lernenden, eine Whatsapp-Gruppe für den entsprechenden Kurs einzurichten und den Lehrer dazuzunehmen. Das dauert nur wenige Sekunden, ein Smartphone und die Telefonnummer genügen. So werden Lehrende zu Lernenden. Und auch auf die Lehrer-Schüler-Beziehung wird sich die WhatsApp-Erfahrung positiv auswirken.  
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Sie können weiterführende Materialien zur BITKOM-Studie Kinder und Jugend 3.0 hier herunterladen:

Grafiken: BITKOM // Titelbild: AFS-USA Intercultural Programs (CC BY 2.0)