Lernen in Beziehungen

Das Buch „Die Pädagogik der Gefühle“ beleuchtet die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden auf allen Ebenen des Bildungssystems, von der Einschulung bis zum Universitätsabschluss. Obwohl die englische Originalfassung bereits 1983 erschien, hat das Buch nichts an Aktualität verloren.

Erinnern Sie sich noch an Ihre Kindergartenzeit? Oder haben selbst kleine Kinder in Ihrem Umfeld kürzlich beobachtet? Ein beliebtes Spiel besteht darin, einen Turm aus Bauklötzen zu errichten. Doch was passiert, wenn dieser Turm umstürzt? Wie geht das Kind mit dem Misserfolg um? Manche Kinder werden zornig und stoßen den nächsten Turm aktiv um, andere lenken sich direkt mit einem anderen, einfacheren Spielzeug ab. Und wieder andere versuchen es immer wieder von neuem… 

Hält der Turm oder stürzt er ein? Und was passiert dann?

„Lernen geht in einer Situation vor sich, in der wir etwas nicht wissen oder noch nicht können. Daher beinhaltet es immer ein gewisses Maß an Unsicherheit, Frustration und Enttäuschung“, beschreibt Isca Salzberger-Wittenberg die Gefühle hinter dem Lernprozess, der eben nie von ganz allein funktioniert.

Salzberger-Wittenberg ist eine der drei Autor*innen von „Die Pädagogik der Gefühle. Emotionale Erfahrungen beim Lernen und Lernen“ und hat einen Großteil der knapp zweihundert Seiten des Buches verfasst. Ihr zentrales Thema ist die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden auf allen Ebenen des Bildungssystems, von der Einschulung bis zum Universitätsabschluss. Ziel ist es, die Lesenden für die emotionalen Faktoren zu sensibilisieren, die beim Lernen und Unterrichten ins Spiel kommen und so zu einem besseren Verständnis der Wechselbeziehung zwischen Lernenden und Lehrenden beizutragen. Die Kapitel von Elsie Osborne zur „Arbeit mit Familien und Kollegen“ und von Gianna Henry-Williams über das „Verständnis für das Kind in der Klasse“ sind eher als Ergänzung zu lesen, wenn auch für Lehrkräfte sicherlich ebenfalls nicht zu vernachlässigen, gerade wenn es um Klassendynamiken und die Zusammenarbeit mit Eltern und Sozialarbeiter*innen geht.

Theorie und Entstehungshintergrund

Vom theoretischen Ansatz her betrachtet „Die Pädagogik der Gefühle“ die emotionalen Aspekte des Lehrens und Lernens aus einer Perspektive der psychoanalytischen Pädagogik. Grundlage für die Inhalte des Buches ist ein Weiterbildungskurs für Lehrkräfte an der Londoner Tavistock Clinic, den Salzberger-Wittenberg Anfang der 1980er Jahre durchführte. Im Buch verknüpft sie theoretische Überlegungen mit Fallbeispielen und der Beobachtung und Analyse des Kurses selbst.

Eine neue Lernsituation beginnt

Bereits die Einschulung – oder analog der Beginn des Fortbildungskurses – zeigen es deutlich: Der Beginn einer neuen Lernsituation ist nicht nur mit Neugier und Erwartungsfreude, sondern auch mit Angst verbunden: vor den neuen Räumlichkeiten, der Gruppensituation, der unbekannten Lehrperson oder einfach nur dem Zustand des Nichtwissens. Diese kindlichen Ängste werden auch bei den Lehrkräften selbst reaktiviert, wie Salzberger-Wittenberg selbstkritisch erkennt: „Wenn Lehrer einer neuen Klasse gegenüberstehen, erleben auch sie dieses Gefühl des Anfangs, und es können sich Zweifel einstellen, ob sie wohl der neuen Situation gerecht werden.“

Einflüsse aus der Kindheit

Die Einflüsse aus der Kindheit und ihre Übertragung auf die Gegenwart sind ein entscheidender Schlüssel des psychoanalytischen Ansatzes der Autorin Isca Salzberger-Wittenberg. Frühe emotionale Beziehungen und Erlebnisse bilden innere Muster, die in der Schule oder Universität reaktiviert werden – sowohl bei den Schüler*innen und Studierenden, als auch bei den Lehrenden selbst. Und je unbewusster diese Muster für uns sind, um so mehr Einfluss haben sie. Dabei ist es an der Lehrperson zu erkennen, warum Kinder und junge Menschen in einer bestimmten Form handeln oder sich emotional äußern. Denn nur wenn Lehrkräfte die „innere Welt“ der Lernenden verstehen lernen, können sie ihnen gegenüber überhaupt Einfühlungsvermögen entwickeln. Und dieses Einfühlungsvermögen ist wiederum nötig, um den Prozess des Lernens wirksam begleiten zu können. Auf das Eingangsbeispiel des Turmbaus angewandt heißt das: jedes Kind, auch das aggressive oder vermeintlich interessenlose, dabei zu unterstützen, den negativen Gefühlen standzuhalten und es immer wieder von neuem zu versuchen.

Die Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden

Der Mensch lernt vom Augenblick seiner Geburt bis an sein Lebensende. Dabei stehen wir in einem Abhängigkeitsverhältnis zu anderen Menschen. Zunächst sind es die Eltern oder älteren Geschwister, später die Lehrkräfte, die uns anleiten und ihr Wissen mit uns teilen. Wie aber diese Lehr-Lern-Beziehung aussieht, davon hängt ab, ob und wie wir fähig sind zu lernen. Schüler*innen verstehen Lehrkräfte oft als allwissend, als Quelle von Trost und Fürsorge, als Richter*in oder Objekte von Bewunderung und Neid. Für Lehrkräfte ist ein wichtiger Faktor, der in ihre Beziehung zu den Schüler*innen miteinfließt, die Frage, warum sie selbst Lehrer*in geworden sind: Haben Sie die Schule so geliebt, dass sie die eigenen Erfahrungen wiederholt sehen wollen? Oder haben Sie die Schule gehasst und wollen es ganz anders machen? Wenn Lehrkräfte darüber niemals nachdenken, sind sie – folgt man dem Ansatz des Buches – in ihren Emotionen gefangen und können nicht bewusst agieren.

Feedback einholen, aber wann?

Feedback wirkt. Die Verfasserin des Buches ist sehr offen für den Rückkanal zwischen Lehrenden und Lernenden, möchte aber vor allem den Zeitpunkt richtig gewählt wissen. Die beliebte Befragung kurz vor den Sommerferien könne dabei, obwohl gut gemeint, im Ergebnis oft wenig hilfreich sein. Denn wer fühlt sich schon wirksam, wenn über die Antworten erst Wochen später oder nie gesprochen wird? Werde die Möglichkeit zum Schülerfeedback hingegen zu einem früheren Zeitpunkt geboten, könnten brisante Gefühle noch zum Ausdruck gebracht und direkt bearbeitet werden.

Beenden und weiterlernen

Jede Lernsituation hat einmal ein Ende. Denken Sie manchmal an Ihren Schul- oder Studienabschluss zurück? Sind Sie – und sei es Jahre später – noch mal zu Ihrer Schule zurückgekehrt, beim Tag der offenen Tür oder einfach heimlich, nur um sich zu vergewissern, dass der ehemalige Lernort noch existiert? Das ist nichts Außergewöhnliches, wie es im letzten Kapitel des Buches „Pädagogik der Gefühle“ beschrieben wird. Denn das Ende einer Lernsituation sei eben nicht nur der Erfolg eines Abschlusses, sondern immer auch ein Verlust, den wir verarbeiten müssen. Die Art, wie wir damit umgehen, könne „entscheidenden Einfluß darauf haben, welche Teile der Vergangenheit wir am Leben erhalten und in Gegenwart und Zukunft kreativ anwenden.“

Moderne Rolle der Lehrkraft

Die Neugier am Lernen entfachen, den Frust der Lernenden vor dem Nichtwissen aushalten und nicht persönlich nehmen, einfühlsam unterstützen: das ist eine recht moderne Auffassung des Lehrkraftberufes. Und doch ist diese bereits in „Pädagogik der Gefühle“ enthalten. Obwohl das Werk bereits 1997 erschienen ist und die englische Originalfassung sogar schon 1983, haben seine Inhalte und Interpretationsansätze nicht viel an Aktualität verloren. Die Lektüre lohnt sich in jedem Fall.

Hier noch ein abschließendes Zitat von Isca Salzberger-Wittenberg, das deutlich macht, wie zentral sie die Schule als Ort der Persönlichkeitsbildung betrachtet: „Die Schule als wesentlicher Hintergrund des kindlichen Erwachens und die Lehrer mit ihrem ungeheuren Einfluß auf die Schüler tragen daher große Verantwortung dafür, Erfahrungen zu ermöglichen, die Vertrauen anstatt Idealisierung und Furcht erzeugen und dadurch den Menschen in seiner Entwicklung fördern.“

Sie sind neugierig geworden? Hier können Sie das Buch „Pädagogik der Gefühle“ bestellen: BibliothekAmazon.

Hier finden Sie alle Edkimo Buchtipps.

Sie möchten selbst Feedback von Lernenden einholen? Registrieren Sie sich kostenfrei für die Edkimo-App. Hier finden Sie Tipps zum Feedback-Gespräch.

Wie entsteht Feedbackkultur an Schulen?

Wenn Feedback an Schulen zur Kultur wird: Unter diesem Motto diskutierten am 28. April 2022 rund zwei Dutzend Lehrkräfte im Rahmen eines Onlineworkshops. Eingeladen hatten innovationhub.schule und Edkimo.

Wer wünscht sie sich nicht, die fast schon sagenumwobene “Feedbackkultur”? Sie kommt immer dann ins Spiel, wenn Schulen sich als lernende Organisationen verstehen, wenn Lehrkräfte ihren Unterricht weiterentwickeln wollen und wenn Schülerinnen und Schüler als Expert*innen für den eigenen Lernprozess gefragt und ernstgenommen werden. Aber wie entsteht eine Feedbackkultur an Schulen? Was ermöglicht sie und was steht ihr im Wege? Ab wann wird Feedback eigentlich zur Kultur? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Themenworkshops Feedbackkultur, der von Berit Moßbrugger (innovationhub.schule) und Jessica Zeller (Edkimo) konzipiert und moderiert wurde.

Feedback an der Schule ist…

Zunächst haben wir die Teilnehmenden danach gefragt, was Feedback an der Schule überhaupt ist. Die Antworten haben wir live als Wortwolke mit Edkimo visualisiert.

Spannend, aussagekräftig und wechselseitig wurden von den Befragten als Eigenschaften genannt. Doch im Zentrum steht vor allem ein Begriff: Feedback an der Schule ist wichtig!

Feedback im Schulalltag

Anschließend berichteten zwei Lehrerinnen exemplarisch über die Bedeutung von Feedback in Ihrem Schulalltag.

Claudia Schräder, QM-Beauftragte an den Beruflichen Schulen Kirchhain, stellte den breitgefächterten Einsatz der Feedback-App Edkimo an Ihrer Schule vor. Einerseits im Rahmen der umfassenden jährlichen Evaluation in allen Klassen mit zusammengefassten und vergleichbaren Ergebnissen. Aber auch als niedrigschwelliges digitales Tool für ein Unterrichtsprojekt, bei dem Schüler*innen mit Edkimo eigene Fragebogen erstellen und Befragungen durchführen

Franziska Langer vom Burggymnasium Friedberg berichtete über das Projekt „Feed2Teach“, das im Rahmen einer Innovationsreise mit dem innovationhub.schule entstanden ist und auch als ein kurzer Film dokumentiert wurde. Die Schule ist ein Oberstufengymnasium mit einer heterogenen Schülerschaft, die nur die drei Jahre bis zum Abitur an der Schule verbringt. Digitales Echtzeit-Feedback erleichtert den Austausch mit der Lerngruppe und trägt nachhaltig zur Verbesserung der Unterrichtsqualität bei.

Stimmen aus dem Workshop

Wie kann Feedbackkultur an Schulen entstehen und verstetigt werden? Wie finden Schülerinnen und Schüler mehr Gehör? Im folgenden Audio haben wir die Inputs der beiden Lehrkräfte und Stimmen aus der Diskussion mit den Teilnehmenden als O-Ton-Collage zum Nachhören zusammengefasst. Hören Sie selbst!

Wie weiter mit der Feedbackkultur an Schulen?

Zum Abschluss der Veranstaltung haben wir die Teilnehmenden noch einmal befragt: Was könnten erste oder nächste Schritte für die Entwicklung einer Feedbackkultur an Ihrer Schule sein? Hier sehen Sie dazu ausgewählte Antworten.

„Dranbleiben“ heißt eines der Statements der Befragten. Dieses Ziel nehmen alle Teilnehmenden mit auf den Weg. Wir als Veranstalterinnen von innovationhub.schule und Edkimo danken Claudia Schräder und Franziska Langer, dass Sie Ihre Beispiele und Erfahrungen zur Feedbackkultur an Ihrer Schule mit uns geteilt haben und allen Lehrkräfte für die Teilnahme und spannende Diskussion. Bis zum nächsten Mal!

Interessieren Sie als Schule sich für eine Innovationsreise mit dem innovationhub.schule? Hier geht es zur Website. Möchten Sie als Lehrkraft die Feedback-App Edkimo kostenlos und unverbindlich ausprobieren? Hier geht es zur Registrierung.

Teacher-ProGRESS: „Die Klasse als Gruppe besser verstehen“

Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Schüler*innen in Deutschland leiden unter psychosozialen Beeinträchtigungen, sind also verhaltensauffällig. Dr. Lars Dietrich ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin. Dort entwickelt er das Fortbildungsprogramm Teacher-ProGRESS, mit dem Lehrkräfte lernen, dieser Herausforderung im Schulalltag besser zu begegnen. Wir kooperieren mit Teacher-ProGRESS und haben ihn zu diesem spannenden Projekt interviewt.

Fotot von Dr. Lars Dietrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin
Dr. Lars Dietrich forscht an der HU Berlin zum besseren Umgang mit „schwierigen“ Schüler*innen.

Psychosoziale Beeinträchtigungen sind kein Randphänomen

Viele Lehrkräfte sind unzufrieden mit Ihrem Beruf, die Burnoutrate ist unglaublich hoch. Was ist da los?

Lars Dietrich: Nun, statistische Ergebnisse zu Burnoutraten und Berufsabbrüchen unter Lehrkräften zeigen uns deutlich, dass etwas strukturell nicht funktioniert. Lehrkräfte geraten sehr oft in Situationen, mit denen sie nicht mehr umgehen können und entscheiden sich aus diesem Grund, den Beruf wieder zu verlassen. Das liegt daran, dass sie für das, was sie in Schulen tun müssen, nicht umfassend genug ausgebildet wurden. Viele Schülerinnen kommen mit großen Verhaltensproblemen in die Schule, viel mehr als generell angenommen wird, oder viel mehr als es einem die Lehrkräfteausbildung weißmachen will. Dort wird das als ein Randphänomen abgehandelt. Tatsächlich aber sind in einer Klasse von zwanzig Schülerinnen im bundesweiten Durchschnitt zwei bis vier Schüler*innen auffällig, was ihr Verhalten angeht. Das macht natürlich etwas mit der ganzen Klasse und mit ihrer Klassendynamik. Das macht etwas mit der Beziehung der Klasse zu den Lehrkräften und das ist ein Problem, das in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte bisher viel zu wenig thematisiert wird.

Nach zwei Jahren Pandemie sind die Probleme der Schüler*innen ja nicht weniger geworden…

Ja, die Frage, wie es den jungen Menschen eigentlich emotional geht, ist etwas, das in der Pandemie gerade zu Beginn extrem zurückstecken musste. Die Debatte rund um Schule unter Coronabedingungen drehte sich vor allem darum, Lernlücken zu schließen, also Wissenserwerb nachzuholen. Glücklicherweise hat sich jetzt langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass insbesondere die psychischen Probleme der Schüler*innen in den letzten zwei Jahren enorm zugenommen haben. Und die Lehrkräfte sind natürlich die ersten, die das spüren und die darunter leiden müssen, da sie jetzt Klassen vor sich haben, die noch schwieriger zu unterrichten sein werden als vorher.

Klasse als Gruppe besser verstehen

Der Umgang mit psychosozial beeinträchtigten Schüler*innen: Wie können Lehrkräfte diese „Lernlücke“ schließen?

Ich glaube der Kern ist, dass Lehrkräfte lernen, Gruppen besser zu verstehen. Als Lehrkraft hat man es ja nicht nur mit einzelnen jungen Menschen zu tun, sondern immer auch mit einer Klasse als Ganzes. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis, dass man Gruppen nicht einfach als eine Ansammlung von Individuen versteht. Eine Klasse ist mehr ist als die Summe der einzelnen Schüler*innen. Dadurch, dass es Lehrkräfte im Berufsalltag vor allem mit Gruppen zu tun haben, müssen sie darauf vorbereitet werden, zu verstehen: Okay, wie kann sich diese Gruppe entwickeln? Was für Dynamiken gibt es? Welche verschiedenen Phasen durchläuft sie im Laufe eines Schuljahres, was beschäftigt sie? Und was läuft möglicherweise latent ab, was auf den ersten Blick nicht so leicht erkennbar ist?

Dein Fortbildungsprogramm Teacher-ProGRESS unterstützt Lehrkräfte im Erwerb und Erhalt emotionaler und sozialer Kompetenzen.

Ich beschreibe das gerne als eine Art Hilfspaket. Die Kernidee dahinter ist, dass nur mental entlastete Lehrkräfte in der Lage sind guten Unterricht und gute Beziehungsarbeit zu leisten. Sehr oft wird über die emotionale und soziale Entwicklung von Schüler*innen geredet, aber um einen positiven Einfluss auf diese haben zu können, darf man ja selbst emotional nicht zu stark belastet sein. Dort müssen wir anfangen.

Teacher-ProGRESS: Feedbackinstrument und Fortbildungsangebot

Welche Rolle spielt dabei ein Schüler*innen-Feedback?

Aktuell entwickle ich im Zuge des Teacher-ProGRESS-Projektes Fragebogeninstrumente, die Lehrkräften eine Rückmeldung aus der Sicht der Schülerinnen darüber geben sollen, was sich genau in ihren Klassen, in ihrer Unterrichtsarbeit, in ihrer Beziehungsarbeit, positiv auf die Klasse und ihre emotionale und soziale Entwicklung auswirkt. Und was für latente Konflikte oder Probleme vorherrschen könnten. Die Instrumente fragen also Schülerinnen danach: Was passiert da in deiner Klasse? Wie fühlst du dich dabei? Und so weiter. Für die Entwicklung dieser Instrumente brauche ich natürlich Lehrkräfte, die mithelfen und die erste Version des Fragebogens in ihren Klassen anwenden und bereit sind mir über ihre Erfahrungen mit den Instrumenten Feedback zu geben.

Und wenn die Lehrkräfte dieses Feedback zur Stimmung in einer Klasse und den Gefühlen der Schüler*innen bekommen haben, was passiert dann?

Aus meiner Sicht muss so ein Feedback wirklich dazu da sein, um es dann irgendwo hin mitnehmen zu können, wo einem weitergeholfen werden kann. Das heißt, wir müssen das Feedbackinstrument mit einem Fortbildungsangebot verknüpfen, das explizit auf die Themen eingeht, die durch das Feedback aufgeworfen wurden. Ich habe ja schon einiges über die Wichtigkeit von Gruppen gesagt und am besten lernt man über Gruppen tatsächlich auch in Gruppen durch Selbsterfahrung. Der Ansatz, den ich vertrete, ist die gruppenanalytische Pädagogik. Diese setzt ihren Fokus auf die Gruppe, auf die Entwicklung der Gruppe, darauf Gruppen besser zu verstehen und vor allem sich selbst in der Gruppe besser zu verstehen. Lehrkräfte sind in Klassen immer in einer Leitungsrolle, sie haben eine besondere Stellung. Damit einher geht ein besonders starker Einfluss auf die Entwicklung der Gruppe und eine besondere Verantwortung.

Sündenbock-Dynamik erkennen und Mobbing vorbeugen

Kann man über das bessere Verständnis der Klasse auch die „schwierigen“ Schüler*innen besser greifen?

Natürlich muss man immer beides machen, auch die 1:1-Beziehung zu Schülerinnen ist wichtig. Aber in einer Gruppe werden von der Gruppe als Ganzes verschiedene Rollen kreiert, in die unterschiedliche Personen dann aufgrund bestimmter individueller Eigenschaften besonders leicht reinschlüpfen oder gedrängt werden. Was wir z.B. sehr oft im Schulkontext erleben ist, dass es zu dem sogenannten „Sündenbock-Phänomen“ kommt. Dass bestimmte Schülerinnen, insbesondere solche mit Verhaltensschwierigkeiten, von der ganzen Gruppe bzw. Klasse in eine Sündenbockrolle hineingedrängt werden. Und das passiert mehr oder weniger unbewusst. Das merken die Personen gar nicht, die daran beteiligt sind, sondern das entwickelt sich fast schon automatisch. Und wenn man als Lehrkraft lernt, diese Sündenbock-Dynamik besser zu erkennen, eine Sensibilität dafür bekommt, dann kann man auf so eine Entwicklung, die für das gesamte Schulklima toxisch ist, die sehr oft zu Mobbing führt, viel besser reagieren. Das heißt in einer Weise, die die Klassengemeinschaft positiv beeinflusst, indem sie die Sündenböcke aus ihren Rollen befreit. Und eine positive Klassengemeinschaft hat wiederum einen stark positiven Einfluss auf die emotionale und soziale Entwicklung aller Schüler*innen, nicht nur von denen mit Verhaltensschwierigkeiten.

Das klingt nach einer Fortbildung, für die Lehrkräfte einen langen Atem brauchen.

Eine gruppenanalytische Fortbildung ist natürlich etwas, das seine Zeit braucht. Aber wenn man das einmal begonnen hat, merkt man schnell, dass man plötzlich auch viel Unterstützung erhält und nicht mehr alleine ist. Wir alle kämpfen mit ähnlichen Problemen in unserem Berufsalltag, viel mehr als die meisten Leute das glauben, und das ist auch unter Lehrkräften nicht anders. Diese unterstützende Kooperation führt auch zu einer deutlichen Entlastung und mehr Solidarität im Kollegium. Ich biete ja auch Schulcoachings an. Hier geht es hauptsächlich darum, im Lehrkräftekollegium eine gruppenanalytische Arbeitsweise und Haltung zu etablieren, mit der man es besser schafft, mit den vielen Problemen, die im Schulalltag entstehen, zu Kolleginnen und Kollegen gehen zu können und diese Probleme gemeinsam zu lösen. Das Ziel ist ein besseres Arbeitsklima in der gesamten Schule. Das ist möglich!

Mehr erfahren:

Edkimo und Teacher-PROGRESS kooperieren bei der Entwicklung von Schülerfeedback-Instrumenten. Mehr Infos zu Teacher-ProGRESS oder kontaktieren Sie Dr. Lars Dietrich direkt per E-Mail. Wenn Sie die Feedback-App Edkimo kostenlos und unverbindlich ausprobieren möchten, registrieren Sie sich einfach hier.

„Quo vadis Forschung zu Schülerrückmeldungen“ – Ergebnisse der Edkimo-Nutzerstudie vorgestellt

Am 23. und 24. September 2019 fand an der Universität Duisburg-Essen eine Bildungstagung mit dem Schwerpunktthema Schülerfeedback statt. Edkimo berichtete in einem Vortrag gemeinsam mit unserem Kooperationspartner QUA-LiS NRW über die Ergebnisse einer Nutzerstudie sowie von den Erfahrungen bei der Implementation von digitalem Schülerfeedback im Unterricht.

quo-vadis-tagung-edkimo
Die Organisatorinnen der Quo-vadis-Tagung in Essen (Foto: Edkimo)

Auf der Tagung in Essen trafen sich Expertinnen und Experten aus Deutschland und der Schweiz die mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen zum Thema Schülerrückmeldungen forschen und arbeiten. Wissenschaftliche Erkenntnisse und praktische Konzepte zur digitalen Bildung, Unterrichtsentwicklung und Lehrpersonenausbildung wurden vorgestellt.
Gemeinsam mit unserem Kooperationspartner QUA-LiS NRW widmete wir den Vortrag den Gelingensbedingungen von Unterrichtsentwicklung durch digitales Schülerfeedback. Der Fokus lag auf der Entwicklung und Nutzung von Schülerbefragungen für die Berufspraxis von Lehrkräften und den Herausforderungen beim Transfer.
Der Vortrag bezog sich konkret auf die Ergebnisse unserer im Juni 2019 durchgeführten Nutzerstudie. Dabei baten wir alle Edkimo-Nutzer/innen um eine anonyme Rückmeldung zur Nutzung der Feedback-App in Ihrer Rolle als Lehrpersonen und Schulleitungen. Die Rückmeldungen von über 500 Personen ermöglichen einen genaueren Blick auf die Verwendung einer digitalen Feedback-App im Rahmen der Schul- und Unterrichtsentwicklung. Unsere Nutzerstudie erhebt keinen Anspruch auf Repräsentativität, liefert aber erste praktische Einblicke in das Nutzungsverhalten und dessen Einfluss auf die Unterrichtsqualität.

Edkimo Nutzerstudie: Stichprobe (N=544)

Grundlage der Nutzerstudie bilden 544 Rückmeldungen von 11.259 angeschriebenen Personen, darunter 318 Lehrpersonen und 134 Schulleitungsmitglieder. Der Rücklauf liegt mit knapp fünf Prozent im Rahmen der üblichen Teilnahmequoten bei Online-Befragungen.
Die meisten Rückmeldungen kamen aus Nordrhein-Westfalen (N=427), aber auch alle anderen Bundesländer waren vertreten, sowie 12 Rückmeldungen aus dem Ausland.
Bei der Frage nach der beruflichen Funktion gaben 63% der Teilnehmenden an, Lehrkraft an einer Schule zu sein und 25% als Mitglied der Schulleitung zu arbeiten. Mehrfachnennungen waren möglich.
Prozentual verteilen sich die Rückmeldungen wie folgt auf die Schulformen: die meisten Teilnehmenden (29%) sind an einem Gymnasium tätig, gefolgt von den berufsbildenden Schulen mit 23%, den Grundschulen mit 15% und Gesamtschulen 14%. Die anderen Schulformen waren im einstelligen Prozentbereich vertreten.


2019-stichprobe-nutzerstudie-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-stichprobe-funktion-nutzerstudie-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-stichprobe-nutzerstudie-schulform-edkimo-qualis-schuelerfeedback

Edkimo-Nutzung: Art, Häufigkeit, Zielgruppe

Um das Nutzungsverhalten besser einschätzen zu können, wurden die beiden Teilstichproben „Lehrkräfte“ und „Schulleitung“ getrennt ausgewertet. Bei beider Teilnehmergruppen zeigte sich, dass Edkimo am häufigsten verwendet wird, um eigene Fragebogen-Vorlagen zu erstellen, häufig kommen aber auch standardisierte Vorlagen zum Einsatz bzw. werden modifiziert. Rund 6,3% der Lehrkräfte und 3% der Schulleitungsmitglieder gaben an, selbst erstellte Fragebogen-Vorlagen mit anderen Nutzer*Innen auszutauschen.
Rund zwei Drittel der Teilnehmenden gaben an, Edkimo bereits einige Male im Schul- und Unterrichtskontext verwendet zu haben. Eine von fünf Lehrpersonen sowie 1 von 10 Schulleitungsmitgliedern nutzen Edkimo sogar regelmäßig.
In der Stichprobe gaben über die Hälfte der Teilnehmenden (54,3%) an, Schülerfeedback mit Edkimo in der Sekundarstufe II einzusetzen. Rund ein Drittel nutzt Edkimo in der Sekundarstufe I und 7,4% in der Grundstufe.


2019-einsatz-nutzerstudie-eigene-fragebogen-standardvorlagen-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-haeufigkeit-nutzerstudie-wie-oft-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-klassenstufe-stichprobe-nutzerstudie-alter-edkimo-qualis-schuelerfeedback

Transfer von Schülerfeedback

Das größte Transferpotential weisen die Bereiche Struktur, Schülerorientierung und Methoden auf. Rund ein Viertel der Befragten gab an, auf Grundlage des Schülerfeedbacks, Veränderungen an der Struktur Ihres Unterrichts vorgenommen zu haben, ein Fünftel der Befragten verstärkten durch das Feedback der Lernenenden die Schülerorientierung in Ihrem Unterricht. Mehr als 10 Prozent veränderten Unterrichtsmethoden und -inhalte. Erwartungsgemäß zeigten sich in den offenen Rückmeldungen auch kritischen Anmerkungen, insbesondere was die technische Infrastruktur in den Schulen betrifft.


2019-transfer-nutzerstudie-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-transfer-nutzerstimmen-nutzerstudie-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-transfer-schulleitung-nutzerstudie-edkimo-qualis-schuelerfeedback

Eigene Vorlagen: Zielgruppe, Themen und Anlässe

Schließlich zeigte die Nutzerstudie die Bereiche, Themen und Anlässe auf, für die Lehrkräfte und Schulleitungen eigene Fragebogenvorlagen selbst entwickelt und eingesetzt haben. Aufgrund der Zielgruppenanalyse zeigt sich, dass Edkimo über das reine Schülerfeedback hinaus für viele verschiedene Kommunikations- und Entwicklungsprozesse innerhalb der Schule eingesetzt wird.
Die Vielfalt der Feedback-Anlässe wurde in offenen Rückmeldungen abgefragt, anschließend geclustert und die Kategorien als Wortwolke visualisiert, d.h. je größer ein Wort dargestellt ist, desto häufiger kam es vor.


2019-vorlagen-nutzerstudie-zielgruppe-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-vorlagen-nutzerstudie-anlass-edkimo-qualis-schuelerfeedback

2019-vorlagen-nutzerstudie-thema-edkimo-qualis-schuelerfeedback

Gute Fragebogen für den Schulalltag!

Die Psychometrie versucht, Dinge wissenschaftlich messbar zu machen. Edkimo hilft, den Lernprozess in der Schulpraxis diskutierbar zu machen.

1. Warum bietet Edkimo erprobte Fragebogen?

Wir sind der Überzeugung, dass Lehrpersonen und Lernende die eigentlichen Expertinnen und Experten für den Unterricht sind. Sie wissen als Gruppe oft selbst am besten, was im Lernprozess gut funktioniert und an welchen Stellen es noch hakt. Die Herausforderung im System Schule besteht darin, dieses Wissen auch nutzbar zu machen. Dafür müssen die Beteiligten in einen ehrlichen Dialog über das Lernen treten – ohne Angst vor Fehlern oder schlechten Noten. Dies zu ermöglichen ist das Ziel der Feedback-App Edkimo.
Lehrpersonen haben im Unterrichtsalltag zwischen Curricula, Kompetenzentwicklung, Beziehungsaufbau und Prüfungen oftmals zu wenig Zeit, um Feedback-Prozesse anzustoßen, geschweige denn eine komplette Feedback-Schleife zu durchlaufen: Fragebogen entwerfen, Daten erheben, Daten eingeben, Daten auswerten, Ergebnisse grafisch aufbereiten und diskutieren, um schließlich gemeinsam Maßnahmen festzulegen – das erfordert einfach viel Zeit und Arbeit.
Mit Edkimo vereinfachen und beschleunigen wir diesen Prozess und ermöglichen Feedback in Schule und Unterricht dadurch oft erst. Das Angebot von vorgefertigten und erprobten Fragebogen-Vorlagen ist dazu ein erster Schritt, um die Eingangshürde für Lehrpersonen so niedrig wie möglich zu halten.

2. Wie erstellt Edkimo erprobte Fragebogen?

Bei Edkimo stellen wir unseren Nutzerinnen und Nutzern verschiedene schulformspezifische, gut formulierte und erprobte Fragebogen als Vorlagen zur Auswahl bereit. Unser Fokus ist dabei in erster Linie nicht der psychometrische „Test“ – „ein wissenschaftliches Routineverfahren zur Erfassung eines oder mehrerer empirisch abgrenzbarer psychologischer Merkmale mit dem Ziel einer möglichst genauen quantitativen Aussage über den Grad der individuellen Merkmalsausprägung.“ (Moosbrugger/Kelava 2012). Vielmehr geht es uns um gute, schulpraktische „Fragebogen“ (z.B. nach Porst 2013), die einen Dialog zwischen Lernenden und Lehrpersonen auf der Grundlage von anonymisierten Rückmeldungen zu wenigen, gut gestellten Fragen ermöglichen.
Erprobte Fragebogen sind vom Edkimo-Team gemeinsam mit Lehrpersonen, Pädagog/innen und Sozialwissenschaftler/innen erstellte Kurzfragebogen mit 10 bis 15 Fragen, die von unseren Pilotschulen im Unterrichtseinsatz erprobt wurden. Anschließend haben wir diese Fragebogen verbessert, an die verschiedenen Schulformen angepasst und übersetzen lassen. Heute können die Nutzer von Edkimo im In- und Ausland aus verschiedenen Vorlagen auswählen und damit Befragungen in ihrer Klasse oder Lerngruppe durchführen.

3. Was sind erprobte Fragebogen?

Unsere Fragebogen-Vorlagen stellen wir als Anregung unter der Creative Commons Lizenz frei zur Verfügung (z.B. hier). Wir verkaufen keine Fragebogen und nutzen die in den Befragungen erhobenen Daten nicht für weitergehende Forschungszwecke. Wir beraten und unterstützen Schulen und Lehrpersonen bei der Formulierung und Erstellung eigener schulspezifischer Fragebogen.
Dieses Angebot wird ergänzt durch eigene, von den Lehrpersonen erstellte Fragebogen. Denn wie wir sehr schnell gelernt haben, wollen Lehrpersonen nicht nur fertige Vorlagen verwenden, sondern auch ihre eigenen Fragen formulieren, die genau zu ihrem Unterricht, zur eigenen Schule und zur eigenen Klasse passen. Deshalb bieten wir unseren Nutzer/innen die Möglichkeit, im „Vorlageneditor“ sehr schnell eigene Fragebogen zu erstellen und sofort als Umfrage zu starten. Mittlerweile wurden bereits über 5.000 Fragebogen von Lehrpersonen selbst entwickelt. Diese sind besser und passgenauer, als es ein externes Expertenteam jemals realisieren könnte. Insofern dienen unsere „erprobten“ Kurzfragebogen vor allem als Beispiel und niedrigschwelliger Einstieg für einen Feedback- und Dialog-Prozess mit dem Fokus auf den Lernprozess. Sie zeigen auf, wie es mit wenigen Fragen gelingen kann, einen tiefergehenden Dialog über den Lernprozess in Gang zu setzen.
Andere Tools bieten andere Möglichkeiten – angefangen von Sefu, Emu, Grafstat, Feedbackschule, Smart Response, Moodle, IQES, Office365, Google Classroom, Plickers, Mentimeter, Surveymonkey, Limesurvey, Kahoot, Visible Classroom usw. mit unterschiedlich gelagerten Vor- und Nachteilen für Feedbackprozesse im Schulalltag.
Edkimo unterscheidet sich durch die Grundhaltung, Lehrende und Lernende als Expertinnen und Experten für den eigenen Lernprozess hundertprozentig ernst zu nehmen. Unser Feedback-Tool ist nicht oberflächlich-spaßig aber auch nicht bitter-ernst, es bleibt nicht beim Smiley-Chat, wird aber auch nicht zur wissenschaftlichen Testung. Am besten einfach einmal ausprobieren: app.edkimo.com/signup
Viel Spaß beim Feedback!
 

Über den Autor
Sebastian Waack ist Mitgründer von Edkimo. Er arbeitet in Teilzeit als Lehrkraft für Physik an der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli in Berlin. Zuvor entwickelte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel und am IQB Berlin Testitems für die Bildungsstandards Mathematik und den Einbürgerungstest. Seit 2012 betreibt er die Internetseite zur Hattie-Studie visible-learning.org

Weniger Fragen, mehr Zeit für die Diskussion

Praxisbericht von Sebastian Waack: Der Mitgründer von Edkimo arbeitet als Lehrer für Physik an der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli und war zuvor an einem Gymnasium in Berlin/Neukölln tätig.

Im Rahmen der Bildungsforschung habe ich mich mit tausenden Testfragen bei der Präpilotierung, Pilotierung und Normierung bei großen Vergleichsstudien beschäftigt (z.B. im Rahmen von Bildungsstandards, Einbürgerungstest, COACTIV-R). Jahre später widerfuhr mir ein persönliches Aha-Erlebnis beim Einsatz eines Fragebogens im realen Unterrichtsalltag einer siebten Klasse. Während die Psychometrie versucht, Dinge meßbar zu machen, um sie zu analysieren, schien mir fortan wichtiger, Dinge diskutierbar zu machen, um sie tatsächlich verändern zu können.

1. Fragebogen

Nachdem es in einer schwierigen 7. Klasse wieder einmal unruhig wurde und die Schülerexperimente im Physikraum eigentlich kurz vor dem Abbruch standen, kam mir die Idee, die Schüler selbst zu fragen, wie es Ihnen in dieser lauten, unruhigen Situation ergeht. Dazu schrieb ich einfach folgende drei „Fragen“ an die Tafel und bat um eine anonyme und ehrliche Rückmeldung. Plötzlich war es still und alle schrieben eifrig auf ihr Papier:

  • Der Unterricht macht mir Spaß, wenn…
  • Ich lerne in Ihrem Unterricht etwas, wenn…
  • Ich langweile mich in Ihrem Unterricht, wenn…

Natürlich durfte im Eifer dieser Stunde auch das testtheoretisch eher schlechte „Klassiker-Item“ zum „Spaß im Unterricht“ nicht fehlen (vgl. Wisniewski/Zierer 2018, S. 89). Die Frage hatte aus schulpraktischer Sicht im Verlauf der Unterrichtsstunde, in der Dramaturgie des Fragebogens und der avisierten Ergebnisdiskussion jedoch durchaus ihre Berechtigung. Die Ergebnisse wurden von mir anschließend mit einigem Zeitaufwand vom Papierbogen in Excel übertragen und mit Wordle für die Schülerinnen und Schüler gut lesbar aufbereitet („je größer ein Wort ist, desto häufiger habt ihr es genannt“). Am nächsten Tag startete ich die Stunde mit dem Feedback-Gespräch.

unterricht-macht-spass-fragebogen-erprobt-vs-validiert-schülerfeedback
Schülerfeedback 1
ich-lerne-fragebogen-erprobt-vs-validiert-schülerfeedback
Schülerfeedback 2
ich-langweile-mich-fragebogen-erprobt-vs-validiert-schülerfeedback
Schülerfeedback 3

2. Feedback-Gespräch

Für die Lerngruppe und mich waren die Ergebnisse verblüffend, denn eigentlich nahmen wir den Unterricht ähnlich wahr, saßen sozusagen längst in einem Boot, ohne es zu wissen. Denn ohne dass ich danach gefragt hatte, wurde die Lautstärke als Einflussfaktor in fast jeder Schülerantwort thematisiert: langweiliger Unterricht war „laut“, Unterricht der Spaß machte und bei dem viel gelernt wurde, war „leise“.
Nach der gemeinsamen Diskussion und Interpretation der Ergebnisse dienten uns die Wortwolken in Form eines Plakats an der Wand sozusagen als partizipative Klassenregeln, die auch Wochen später noch durch einfachen Fingerzeig aktiviert werden konnten.
Nachdem ich tausende Testitems erstellt bzw. überarbeitet hatte, erfuhr ich mit nur 3 Fragen das erste Mal die eigentliche Wirkung von Feedback im Lernprozess: meine Schüler/innen veränderten durch das Feedback und das anschließende Gespräch in wenigen Minute  den Unterricht stärker, als in einer ganzen Stunde „Klickarbeit“ vor einem validierten Fragebogen mit 85 Fragen im staatlich bereitgestellten Evaluationsportal möglich wäre, das ich im Vorjahr einmal ausprobiert hatte.
Weniger ist also manchmal mehr! Ein spontaner Kurzfragebogen, der zur gegenwärtigen Unterrichtssituation passt, kann in den Fluss der Unterrichtsstunden eingebunden werden und mitunter mehr bewirken, als ein standardisierter, statistisch validierter Fragebogen, der möglicherweise am Wesentlichen vorbei geht.
Mittlerweile sind einige Jahre vergangen und mit Edkimo gestalten viele Lehrkräfte ihre eigenen Fragebögen. Mehr als 5000 von Lehrkräften selbst erstellte Vorlagen sind dabei bislang entstanden. Probieren Sie es auch einfach einmal aus: app.edkimo.com/signup
Viel Spaß beim Fragenstellen, viel Spaß beim Feedback!

Über den Autor
Sebastian Waack ist Mitgründer von Edkimo. Er arbeitet in Teilzeit als Lehrkraft für Physik an der Gemeinschaftsschule auf dem Campus Rütli in Berlin. Zuvor entwickelte er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Kiel und am IQB Berlin Testitems für die Bildungsstandards Mathematik und den Einbürgerungstest. Seit 2012 betreibt er die Internetseite zur Hattie-Studie visible-learning.org

Edkimo auf der IdeenExpor 2015

„Europa für Niedersachsen – Europa für dich!“:  Das war das Motto der Niedersächsischen Staatskanzlei auf der IdeenExpo 2015. Bereits zum fünften Mal fand vom 04.07.2015 ­ bis 12.07.2015 die Mitmach- und Erlebnisveranstaltung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene auf dem Messegelände in Hannover statt. Mit Spiel, Spaß und Interaktion konnten sich über 350.000 junge Besucherinnen und Besucher für Wissenschaft und Technik begeistern.

Die Niedersächsische Staatskanzlei präsentierte an ihrem Stand sieben spannende EU-geförderte Projekte des Bundeslandes, die von den jungen Besuchern in einer Stand-Rallye kennengelernt und ausprobiert werden konnten. Mit dabei war auch unsere Feedback-App Edkimo, die 2014/15 im Rahmen des Innovations-Inkubators an der Leuphana Universität Lüneburg EU-Fördermittel erhalten hat.

Schülerfeedback zum Ausprobieren und Mitmachen

Edkimo zeigte mit Schulbank und WLAN wie das digitale Klassenzimmer schon heute funktionieren kann. Neben Fragebögen und kreativen Feedback-Methoden zum Ausprobieren, konnten die jungen Besucher auch den „Europa für Niedersachsen“-Stand und die vorgestellten Projekte beurteilen.

Labyrinthfahrt mit Treckersimulator

Anlass zum Staunen und Entdecken boten Fotos zum Mitnehmen in einem elektrisch betriebenen Gyrokopter  und eine Labyrinthfahrt mit einem Treckersimulator. Auch das Rauchhaus der Firma Stöbich Brandschutz GmbH aus Goslar, das Modell eines Nahwärmenetzes der Hochschule Hannover, der Berufseignungstest mit Nähmaschinen des Pro­Aktiv­Centrums Osterode oder das Moorlabor des Tagungshauses Bredbeck des Landkreises Osterholz waren Magneten für aktives Mitmachen und Erleben. Zusätzlich gab es reichlich zu gewinnen. Den Hauptgewinn, eine viertägige Reise nach Brüssel, gewann die Klasse 9.3 der Oberschule Lachendorf.

Der Stand der Niedersächsischen Staatskanzlei auf der IdeenExpo 2015 machte deutlich, dass EU­-Förderung einen positiven Einfluss auf Leben und Arbeit für jeden Einzelnen in Niedersachsen haben kann. Mit Information und Spaßfaktor wurden viele neue Fans für Europa gewonnen. Neugierde und Verständnis für die EU-­Förderprogramme wurde geweckt. Ganz nebenbei vermittelte die IdeenExpo 2015 wie wichtig die EU-­Förderung für die Landesentwicklung in Niedersachsen ist. Mit rund 20.000 Standbesuchern wurden alle Beteiligten für ihr Engagement mehr als belohnt.

Übrigens: Auch die Presse berichtete über Edkimo auf der IdeenExpo 2015. Lesen Sie hier den Artikel in der Hannoverschen Allgemeinen vom 3. Juli 2015.

Schülerfeedback mit Edkimo

„Nach dem ersten Ausprobieren der Feedback-App habe ich einmal nachgesehen, wie viel Arbeit ich bisher in die Auswertung und Visualisierung von Papier-Feedbackbögen gesteckt habe. Mehr als einmal pro Kurs ist im Halbjahr nicht zu machen gewesen. Diese Zeit kann ich jetzt für Schüler aufwenden und kann es nahezu beliebig oft einsetzen. Das wäre für das kommende Schuljahr großartig.
Die Schülerinnen und Schüler melden mir zurück, dass sie keine Probleme mit der Nutzung haben. Die Möglichkeit auf diesem Weg schätzen sie sehr. Besonders wichtig für die Schülerinnen und Schüler ist es, dass die App wenig Aufwand für sie bedeutet. Das Ausfüllen ist zeit- und ortsunabhängig und die Schüler schätzen die Anonymität. Handschriften verraten eben doch den Schüler – das ist bei der Edkimo-Lösung (ohne Login) ausgeschlossen. Die Kommentare im Schülerfeedback sind entsprechend ehrlich und direkt.
Die Auswertung kann eigentlich unmittelbar nach dem Feedback gemeinsam betrachtet werden. Wenn es mir wichtig ist, kann die Besprechung noch in der Stunde selbst erfolgen. Der zeitliche Abstand ist damit sehr klein und die Schülerinnen und Schüler müssen nicht über eine Befragung von vor zwei Wochen sprechen.“
Rückfragen an Jan Wicke auf Twitter: @HenningHB
Sie wollen Edkimo selbst ausprobieren und von Ihren Erfahrungen berichten? Schreiben Sie uns an contact@edkimo.com.

5 Tipps für Feedback im Unterricht

1. Ihre Schüler wissen es am besten

Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie schon vorher wissen, was Ihre Schüler wollen. Und gehen Sie nicht davon aus, dass Dinge die andere Schüler in anderen Klassen glücklich gemacht haben, auch mit Ihren neuen Schülern in der neuen Klasse funktionieren werden. Lehrer tendieren dazu, Verbesserungen sehr generell anzugehen. Zum Beispiel auf Grundlage eines Buches oder einer Fortbildung. Für die Unterrichtsentwicklung ist ein konkreter, situativer Ansatz viel wirkungsvoller. Benutzen Sie Schülerfeedback, um den Unterricht in dieser konkreten Klasse zu verbessern.

2. Starten Sie eine anonyme Umfrage

Zuerst müssen Sie herausfinden, welche Aspekte des Lernens und des Unterrichts für Ihre Schüler in dieser Klasse am wichtigsten sind. Aber wenn Sie Ihre Schüler direkt fragen, werden Sie nur selten eine offene und ehrliche Antwort bekommen. Eine Online-Umfrage ist hier hilfreich, da diese völlig anonym durchgeführt werden kann. Niemand hat Angst, eine schlechte Note zu bekommen. Sie bekommen als Lehrperson wertvolles Feedback zum Unterricht aus Sicht der Lernenden.

3. Holen Sie sich Feedback zu Themen, die Schülern wichtig sind.

Ihre Umfrage sollte Punkte umfassen, die von Ihren Schüler als wirklich relevant für das eigene Lernen in der Klasse wahrgenommen werden. Dazu könnten beispielsweise Fragen zum respektvollen Umgang, Lernmotivation, Lehrer-Schüler-Beziehung, Klassenklima, Fehlertoleranz, Wertschätzung von Schülerantworten usw. gehören. Achten Sie dabei auf die Diskrepanz zwischen Ihrer eigenen Wahrnehmung und der Schülerrückmeldung. Fragen Sie sich und Ihre Schüler, wie sie gemeinsam an einer Verbesserung des Unterrichts arbeiten können.

4. Planen Sie voraus und fokussieren Sie.

Obwohl Sie Ihre Schüler nach einer Rückmeldung zum Lehren und Lernen in der jeweiligen Klasse fragen, sollten Sie schon im Vorfeld Handlungsmöglichkeiten für die Weiterarbeit reflektieren. Bevor Sie die Umfrage starten, lohnt es sich kurz darüber nachzudenken, welche Änderungen möglich sind. Dies wird davon abhängen welche Aspekte des Fragebogens von Schülern als besonders positiv, besonders wichtig oder besonders negativ eingeschätzt werden. Nach der Umfrage sollten Sie sich auf zwei bis drei kritische Punkte konzentrieren und gemeinsam mit den Schülern unmittelbar daran weiterarbeiten.

5. Fragen Sie nicht nach Dingen, die Sie nicht ändern können.

Wenn Sie wissen, was Sie fragen möchten, sollten Sie auch klären, was nicht in den Fragebogen gehört. Es ist keine gute Idee, nach Dingen zu fragen, von denen Sie im Vorfeld wissen, dass beispielsweise die Schulordnung oder der Lehrplan eine Veränderung der Situation verhindern. Denn die Befragung Ihrer Schüler zum Unterricht ist mit dem impliziten Versprechen verbunden, dass Sie etwas an der Situation ändern wollen und können. Deshalb gilt: Fokussieren Sie auf das Lernen der Schüler und ihr eigenes unterrichtliches Handeln, um das beste aus dem Schülerfeedback herauszuholen. So können Sie den Unterricht wirksam verbessern und den Lernerfolg erhöhen.

Welche Erfahrungen habe Sie mit Schülerfeedback gemacht?

Wir freuen uns auf Ihre Nachricht per Email, auf Twitter oder als Kommentar auf dieser Seite.