Schülerfeedback bezeichnet Rückmeldungen von den Lernenden an die Lehrkraft. Der Fokus liegt dabei auf den Lernprozess. Nach Hattie (2009) zählt Schülerfeedback – von den Lernenden an die Lehrkraft – zu den wirksamsten Einflussfaktoren für den Lernerfolg. Der folgende Beitrag bespricht die theoretischen Grundlagen von Schülerfeedback im Kontext der Lerntheorie und Unterrichtsforschung.

1. Grundformen von Feedback in der Schule

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Drei Grundformen von Feedback nach Buhren (2015).

Schülerfeedback ist eine Form von Gruppenfeedback. Laut Buhren (2015) lassen sich im schulischen Kontext drei Grundformen von Feedback zu unterscheiden: Individualfeedback, Gruppenfeedback und Systemfeedback. Diese lassen sich wie folgt beschreiben:

Individualfeedback kann im schulischen Kontext zwischen Schüler und Schüler, Schüler und Lehrer, Lehrer und Lehrer sowie zwischen einem Lehrer oder Mitarbeiter und einem Mitglied der Schulleitung ausgetauscht werden. Diese Form des Feedbacks ist reziprok, d.h. umkehrbar in dem Sinne, dass Feedbacknehmer und Feedbackgeber auch die jeweils andere Rolle einnehmen können. Beispiele für Individualfeedback sind kollegiale Unterrichtshospitationen, Peer-Feedback bei der Partnerarbeit und Mitarbeiterjahresgespräche.

Gruppenfeedback findet statt, wenn eine Gruppe Feedback an eine einzelne Person gibt. Beispiele sind Rückmeldungen der Klasse an die Lehrkraft, des Kollegiums an die Schulleitung, der Klasse an einzelne Schülerinnen und Schüler. Diese Form des Feedbacks ist nicht umkehrbar, da in der Regel die Einzelperson als Feedbacknehmer, und die Gesamtgruppe nur als Feedbackgeber auftritt.

Systemfeedback bezieht sich im schulischen Kontext auf Rückmeldungen verschiedener Personengruppen (Eltern, Schüler, Kollegium, Schulinspektion) zum Gesamtsystem Schule bzw. zu deren Teilbereichen. Auch diese Form des Feedbacks verläuft nur in eine Richtung. Sie ist darüber hinaus meist gesetzlich vorgeschrieben, etwa in Form der Schulinspektion.

 

2. Johari-Fenster: Wie Feedback wirkt

Das Johari-Fenster wurde in den 1950er Jahren von den amerikanischen Psychologen Joseph Luft and Harry Ingham entwickelt. Die Namensgebung leitet sich aus der Kombination der beiden Vornamen Joe und Harry ab. Das Modell des Johri-Fensters ist Werkzeug zur Analyse und zum Verständnis von Selbst- und Fremdwahrnehmung, Kommunikationsprozessen, Gruppendynamik und Feedback.

Unterschieden werden im Johari-Fenster 4 Bereiche bewusster und unbewusser Persönlichkeitsmerkmale einer Person:

  • öffentliche Person: mir und anderen bekannt, Selbst- und Fremdbild stimmen überein
  • mein Geheimnis: nur mir selbst bekannt, anderen verborgen
  • blinder Fleck: nur den anderen bekannt, mir selbst nicht bewusst
  • Unbekanntes: weder mir selbst noch anderen bekannt.

Die Größe der einzelnen Quadranten ist von Person zu Person unterschiedlich und auch abhängig von der persönlichen Beziehung zwischen den Beteiligten.

Feedback, und insbesondere Schülerfeedback von der Lerngruppe an die Lehrkraft, führt dazu, dass der einzelnen Person von der Gruppe Verhaltensweisen zurückgemeldet werden, die dieser nicht bekannt sind oder nicht bewusst werden. Durch diesen Abgleich von Selbst- und Fremdwahrnehmung wird der „blinde Fleck“ verkleinert. Die Lehrkraft erkennt beispielsweise Verhaltensweisen und Merkmale, die sie bei sich selbst im Unterrichtsgeschehen nicht wahrgenommen hatte („spricht zu leise“, „nimmt immer nur die gleichen Schüler dran“, „lässt Schüler nicht ausreden“, „bewertet fair/unfair“ o.ä.)

Schülerfeedback-Johari-Fenster_Edkimo-Feedback-Wirkung-Blinder-FleckJohari-Fenster in Anlehnung an Joseph Luft, Harry Ingham (1955): „The Johari window, a graphic model of interpersonal awareness.“

 

3. Feed up, Feed back, Feed forward

Schon bevor die umfangreiche Hattie-Studie Visible Learning erschienen ist, hat sich der Bildungsforscher John Hattie zusammen mit seiner Kollegin Helen Timperley ausführlich mit dem Thema Schülerfeedback beschäftigt. Im Aufsatz „The Power of Feedback“ (Hattie/Timperley 2007) wird ein Feedback-Modell für den schulischen Lernprozess entwickelt, welches sich auf die Beziehung zwischen Lehrperson und Schülern konzentriert.

Feedback enthält demzufolge lernrelevante Informationen und wirkt auf drei Ebenen: Feedback zur Aufgabe, Feedback zum Lernprozess und Feedback zur Selbstregulation. Es bezieht sich jedoch nicht auf die Person. Auf jeder dieser drei Ebenen sollten drei Feedbackfragen beantwortet werden, die eng mit den englischen Begriffen feed up, feed back und feed forward verbunden sind:

  • Feed up: Was ist das Ziel?
  • Feed back: Wie geht es voran?
  • Feed forward: Was kommt als nächstes?

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Feedback im Unterricht: Grafische Darstellung in Anlehnung an das Feedback-Modell von Hattie und Timperley (2007)

In späteren Publikationen wird dieses Feedback-Modell von Hattie weiterentwickelt. Er leitet folgende Grundprinzipien für lernwirksames Feedback ab:

  1. Geben ist nicht gleich Empfangen: Auch wenn Lehrpersonen meinen, ausreichend Feedback zu geben, ist die eigentliche Messgröße, wie viel Feedback bei den Schülern ankommt (und das ist oft recht wenig).
  2. Lob ist eine weit verbreitete Form der Rückmeldung, aber häufig nutzlos, da es sich oft auf die Person bezieht und wenig lernrelevante Informationen enthält.
  3. Fehler willkommen heißen: Wenn Lernende in einer geschützten Lernumgebung Fehlern ausgesetzt sind, kann sich dies positiv auf die Lernleistung auswirken.
  4. Der Einfluss von Peers: Korrektes Peer-Feedback kann hohe Effekte erzielen, muss jedoch eingeübt und gestärkt werden.
  5. Leistungskontrollen sind ein Feedback an die Lehrperson: Leistungskontrollen sollten von Lehrpersonen als Feedback über Ihren Unterricht genutzt werden.
  6. Wirksames Feedback sollte dem Kenntnisstand angepasst sein:
    • Neuling: unmittelbare Rückmeldung zur Aufgabe,
    • Fortgeschrittene: Rückmeldung zu alternativen Strategien,
    • Experten: Rückmeldung zur Selbststeuerung des Lernens.

4. Schülerfeedback und Schülerorientierung

Im Standardwerk „Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität“ bespricht Andreas Helmke Schülerfeedback im Zusammenhang mit Schülerorientierung als Qualitätsmerkmal guten Unterrichts: „Der systematische und regelmäßige Einbezug der Schülerinnen und Schüler ist ein wichtiger Aspekt der Schülerorienterung: Schüler werden als Zielgruppe des eigenen Tuns nicht nur wahr-, sondern auch ernst genommen.“ Dabei ist zu beachten, dass Schülerfeedback nur dann als Ausdruck von Schülerorientierung gelten kann, „wenn nicht bloß Daten erhoben werden, sondern wenn über die Ergebnisse und mögliche Konsequenzen daraus gesprochen wird.“ (Helmke 2012, S. 239)

Für ein gewinnbringendes Feedbackgespräch mit Schülern hat sich laut Helmke die Prioriätensetzung bei der Auswahl der Rückmeldedaten bewährt, um die Übersichtlichkeit der erhobenen Daten und die Umsetzbarkeit von Maßnahmen zu erleichtern. Nach dem Feedbackgespräch sollten gemeinsam mit den Schülern Maßnahmen vereinbart, dokumentiert und zu einem späteren Zeitpunkt überprüft werden. Entscheidend für das Gelingen von Schülerfeedback ist dabei die Haltung der Lehrkraft: „Echtes Interesse […] an den Rückmeldungen der Schüler und die Überzeugung, dass sich auf Grundlage der Rückmeldungen Unterricht verändern lässt, sind die Grundvoraussetzungen.“ (Helmke 2012, S. 287)

5. Feedback und Evaluation

Feedback ist nicht gleichbedeutend mit Evaluation. Dennoch werden beide Begriffe in der Schule und auch in der öffentlichen Wahrnehmung oft miteinander vermengt. Wenn beispielsweise in Bayern oder Berlin 2016 darüber diskutiert wird, Schülerfeedback verbindlich einzuführen, titeln die Zeitungen vorschnell: „Berlins Lehrer sollen mehr Noten bekommen“ (Tagesspiegel) oder „Sollen Schüler ihre Lehrer bewerten?“ (Spiegel). In Schulen und in der öffentlichen Wahrnehmung hat sich eine Kultur der permanenten Leistungsbewertung in Form von Noten etabliert. Dabei geht oft verloren, dass diese gar keine Form von Feedback darstellen, da Noten keine lernrelevanten Informationen zu den nächsten Lernschritten enthalten. In verschiedenen Workshops mit Lehrkräften zum Thema Schülerfeedback haben wir folgende – sicherlich überspitzte – Gegenüberstellung erarbeitet, um beide Begriffe voneinander abzugrenzen und sie in ihren jeweiligen Besonderheiten wahrzunehmen.

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Buhren (2015) schlägt darüber hinaus im Handbuch Feedback in der Schule folgende Differenzierung von Feedback und Evaluation vor: „Während Evaluation den sozialwissenschaftlichen und empirischen Kategorien von Reliabilität und Validität entsprechen sollte, sind diese Anforderungen an Feedbackverfahren nicht notwendigerweise zu stellen. Dies soll nicht im Umkehrschluss bedeuten, dass Feedback unwissenschaftlich ist und keiner wissenschaftlichen Fundierung oder Theorie bedarf, allein das empirische Anspruchsniveau ist auf viele Formen des Feedback nicht anwendbar.“ (S.17). Zusammenfassend wird festgehalten, „dass Feedback und Evaluation nahe beieinander liegende Konzepte sind […]. Gerade weil die Übergänge fließend sind, scheint es besonders wichtig, dass sich die Beteiligten im Vorfeld über Prinzipien, Verfahrensweisen, Ziele und Regeln verständigen.“

6. Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus

Das Verständnis von Feedback im Lernprozess hat sich mit dem Paradigmenwechsel der drei großen Lerntheorien des 20. Jahrhunderts grundlegend geändert. Insbesondere der Umgang mit Fehlern soll an dieser Stelle kurz besprochen werden, um Schülerfeedback und Lehrerfeedback lerntheoretisch besser einordnen zu können (vgl. Buhren 2015, S. 34 ff).

Feedback in behavioristischer Perspektive

Der Behaviorismus untersucht das beobachtbare und empirisch überprüfbare Verhalten. Thorndyke (1932) und Skinner (1958) beschäftigten sich in einer Reihe psychologischer Experimente (oft in Tierversuchen) mit dem Reiz-Reaktions-Schema und stellten fest, dass ein positiver Stimulus die Verknüpfung zwischen Reiz und Reaktion verstärkt, während ein negativer Stimulus die Verknüpfung abschwächt. Skinner entwickelte daraus seine Vorschläge des Programmierten Unterrichts und sogar Lehrmaschinen. Fehler werden in behavioristischer Sicht als unerwünschtes Verhalten gesehen, das durch entsprechendes Feedback abgestraft wird, damit eine Wiederholung weniger wahrscheinlich wird.

Feedback in kognitivistischer Perspektive

Der Kognitivsimus lehnt die behavioristischen Ansatz ab, bei dem das Gehirn nur als „Blackbox“ betrachtet und die äußeren Bedingungen (Input und Output) untersucht werden. Die kognitivistische Lerntheorie geht davon aus, dass nicht nur Umweltreize an sich schon Erleben und Verhalten von Menschen bewirken, sondern dass es wesentlich darauf ankommt, wie ein Mensch Umweltereignisse wahrnimmt, verarbeitet und bewertet. Feedback wird als Informationsquelle gesehen, die von den Lernenden verarbeitet werden muss, um eine Veränderung des Handelns hervorzurufen. Anstatt wie in behavioristischer Sicht Fehler zu vermeiden, sollen die Gründe für Fehler analysiert werden, um dadurch entsprechendes Verhalten korrigieren zu können.

Feedback in konstruktivistischer Perspektive

Der Konstruktivismus betrachtet Lernen nicht als das Abspeichern von objektivem Wissen, sondern als subjektiven Prozess der Wissenskonstruktion. Was jemand unter bestimmten Bedingungen lernt, hängt stark von den Lernenden selbst und den jeweiligen Erfahrungen ab. In Abgrenzung zu Behaviorismus („Speicherung“ von Wissen) und Kognitivismus („Verarbeitung“ von Wissen) erschaffen Lernende in konstruktivistischer Sichtweise ihre eigene Wissenswelt. Feedback ist ein Angebot von dem Lernende unterschiedlich Gebrauch machen. Jonassen (1991) bespricht in diesem Zusammenhang auch multiple Perspektiven im Lernprozess: Feedback ermöglicht es demnach den Lernenden ein Problem von unterschiedlichen Standpunkten aus zu betrachten. Feedback ist insofern ein Mittel zu Selbstanalyse und unterstützt Lernende bei ihrer Konstruktion von Wissen.

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7. Schülerfeedback und die Rolle der Lehrkraft

Egal in welcher Perspektive Feedback betrachtet wird, die Umsetzung von Schülerfeedback führt zu einem erweiterten Rollenverständnis der Lehrperson: Lehrende sind immer auch Lernende. Zum Abschluss einige O-Töne von Lehrkräften, die Schülerfeedback in ihrem Unterricht einsetzten:

  • „Beim ersten Gebrauch war es natürlich eine Überwindung, mittlerweile ist es ein regelmäßiges Instrument für mich.“
  • „Die Klassen sind sehr konstruktiv mit ihren Vorschlägen. Dadurch habe ich meinen Unterricht erheblich verbessern können.“
  • „Die Schüler finden es toll, dass ihre Meinung nicht nur abgefragt, sondern auch ernst genommen wird.“
  • „Regelmäßiges Feedback verbessert den Unterricht und die Selbstmotivation der Schüler!“
  • „Die Rückmeldung per Handy motiviert besonders ältere Schüler noch einmal extra.“

 

Schülerfeedback im Unterricht

Mit der Edkimo-App ist die Umsetzung von Schülerfeedback spielerisch einfach. Sie können  fertige Fragebogenvorlagen verwenden und eigene Fragen stellen. Die Online-Befragung erfolgt schnell und einfach. Sie erhalten unmittelbar die Ergebnisse und können sie direkt mit Ihrer Klasse besprechen. Tipps zum Feedback-Gespräch finden Sie hier.

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Literatur und Weblinks

  • Buhren (2015): Handbuch Feedback in der Schule
  • Hattie (2012): Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen
  • Hattie/Timperley (2007): The Power of Feedback
  • Hattie/Yates (2014) Using feedback to promote learning
  • Helmke (2012): Unterrichtsqualität und Lehrerprofessionalität
  • Sutton, Hornsey & Douglas (2011): Feedback
  • Luft/Ingham (1955): The Johari window, a graphic model of interpersonal awareness
  • Jonassen (1991): Evaluating Constructivistic Learning
  • www.unterrichtsdiagnostik.info
  • www.visible-learning.org

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