Teacher-ProGRESS: „Die Klasse als Gruppe besser verstehen“

Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Schüler*innen in Deutschland leiden unter psychosozialen Beeinträchtigungen, sind also verhaltensauffällig. Dr. Lars Dietrich ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin. Dort entwickelt er das Fortbildungsprogramm Teacher-ProGRESS, mit dem Lehrkräfte lernen, dieser Herausforderung im Schulalltag besser zu begegnen. Wir kooperieren mit Teacher-ProGRESS und haben ihn zu diesem spannenden Projekt interviewt.

Fotot von Dr. Lars Dietrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität Berlin
Dr. Lars Dietrich forscht an der HU Berlin zum besseren Umgang mit „schwierigen“ Schüler*innen.

Psychosoziale Beeinträchtigungen sind kein Randphänomen

Viele Lehrkräfte sind unzufrieden mit Ihrem Beruf, die Burnoutrate ist unglaublich hoch. Was ist da los?

Lars Dietrich: Nun, statistische Ergebnisse zu Burnoutraten und Berufsabbrüchen unter Lehrkräften zeigen uns deutlich, dass etwas strukturell nicht funktioniert. Lehrkräfte geraten sehr oft in Situationen, mit denen sie nicht mehr umgehen können und entscheiden sich aus diesem Grund, den Beruf wieder zu verlassen. Das liegt daran, dass sie für das, was sie in Schulen tun müssen, nicht umfassend genug ausgebildet wurden. Viele Schülerinnen kommen mit großen Verhaltensproblemen in die Schule, viel mehr als generell angenommen wird, oder viel mehr als es einem die Lehrkräfteausbildung weißmachen will. Dort wird das als ein Randphänomen abgehandelt. Tatsächlich aber sind in einer Klasse von zwanzig Schülerinnen im bundesweiten Durchschnitt zwei bis vier Schüler*innen auffällig, was ihr Verhalten angeht. Das macht natürlich etwas mit der ganzen Klasse und mit ihrer Klassendynamik. Das macht etwas mit der Beziehung der Klasse zu den Lehrkräften und das ist ein Problem, das in der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte bisher viel zu wenig thematisiert wird.

Nach zwei Jahren Pandemie sind die Probleme der Schüler*innen ja nicht weniger geworden…

Ja, die Frage, wie es den jungen Menschen eigentlich emotional geht, ist etwas, das in der Pandemie gerade zu Beginn extrem zurückstecken musste. Die Debatte rund um Schule unter Coronabedingungen drehte sich vor allem darum, Lernlücken zu schließen, also Wissenserwerb nachzuholen. Glücklicherweise hat sich jetzt langsam die Erkenntnis durchgesetzt, dass insbesondere die psychischen Probleme der Schüler*innen in den letzten zwei Jahren enorm zugenommen haben. Und die Lehrkräfte sind natürlich die ersten, die das spüren und die darunter leiden müssen, da sie jetzt Klassen vor sich haben, die noch schwieriger zu unterrichten sein werden als vorher.

Klasse als Gruppe besser verstehen

Der Umgang mit psychosozial beeinträchtigten Schüler*innen: Wie können Lehrkräfte diese „Lernlücke“ schließen?

Ich glaube der Kern ist, dass Lehrkräfte lernen, Gruppen besser zu verstehen. Als Lehrkraft hat man es ja nicht nur mit einzelnen jungen Menschen zu tun, sondern immer auch mit einer Klasse als Ganzes. Das ist eine ganz wichtige Erkenntnis, dass man Gruppen nicht einfach als eine Ansammlung von Individuen versteht. Eine Klasse ist mehr ist als die Summe der einzelnen Schüler*innen. Dadurch, dass es Lehrkräfte im Berufsalltag vor allem mit Gruppen zu tun haben, müssen sie darauf vorbereitet werden, zu verstehen: Okay, wie kann sich diese Gruppe entwickeln? Was für Dynamiken gibt es? Welche verschiedenen Phasen durchläuft sie im Laufe eines Schuljahres, was beschäftigt sie? Und was läuft möglicherweise latent ab, was auf den ersten Blick nicht so leicht erkennbar ist?

Dein Fortbildungsprogramm Teacher-ProGRESS unterstützt Lehrkräfte im Erwerb und Erhalt emotionaler und sozialer Kompetenzen.

Ich beschreibe das gerne als eine Art Hilfspaket. Die Kernidee dahinter ist, dass nur mental entlastete Lehrkräfte in der Lage sind guten Unterricht und gute Beziehungsarbeit zu leisten. Sehr oft wird über die emotionale und soziale Entwicklung von Schüler*innen geredet, aber um einen positiven Einfluss auf diese haben zu können, darf man ja selbst emotional nicht zu stark belastet sein. Dort müssen wir anfangen.

Teacher-ProGRESS: Feedbackinstrument und Fortbildungsangebot

Welche Rolle spielt dabei ein Schüler*innen-Feedback?

Aktuell entwickle ich im Zuge des Teacher-ProGRESS-Projektes Fragebogeninstrumente, die Lehrkräften eine Rückmeldung aus der Sicht der Schülerinnen darüber geben sollen, was sich genau in ihren Klassen, in ihrer Unterrichtsarbeit, in ihrer Beziehungsarbeit, positiv auf die Klasse und ihre emotionale und soziale Entwicklung auswirkt. Und was für latente Konflikte oder Probleme vorherrschen könnten. Die Instrumente fragen also Schülerinnen danach: Was passiert da in deiner Klasse? Wie fühlst du dich dabei? Und so weiter. Für die Entwicklung dieser Instrumente brauche ich natürlich Lehrkräfte, die mithelfen und die erste Version des Fragebogens in ihren Klassen anwenden und bereit sind mir über ihre Erfahrungen mit den Instrumenten Feedback zu geben.

Und wenn die Lehrkräfte dieses Feedback zur Stimmung in einer Klasse und den Gefühlen der Schüler*innen bekommen haben, was passiert dann?

Aus meiner Sicht muss so ein Feedback wirklich dazu da sein, um es dann irgendwo hin mitnehmen zu können, wo einem weitergeholfen werden kann. Das heißt, wir müssen das Feedbackinstrument mit einem Fortbildungsangebot verknüpfen, das explizit auf die Themen eingeht, die durch das Feedback aufgeworfen wurden. Ich habe ja schon einiges über die Wichtigkeit von Gruppen gesagt und am besten lernt man über Gruppen tatsächlich auch in Gruppen durch Selbsterfahrung. Der Ansatz, den ich vertrete, ist die gruppenanalytische Pädagogik. Diese setzt ihren Fokus auf die Gruppe, auf die Entwicklung der Gruppe, darauf Gruppen besser zu verstehen und vor allem sich selbst in der Gruppe besser zu verstehen. Lehrkräfte sind in Klassen immer in einer Leitungsrolle, sie haben eine besondere Stellung. Damit einher geht ein besonders starker Einfluss auf die Entwicklung der Gruppe und eine besondere Verantwortung.

Sündenbock-Dynamik erkennen und Mobbing vorbeugen

Kann man über das bessere Verständnis der Klasse auch die „schwierigen“ Schüler*innen besser greifen?

Natürlich muss man immer beides machen, auch die 1:1-Beziehung zu Schülerinnen ist wichtig. Aber in einer Gruppe werden von der Gruppe als Ganzes verschiedene Rollen kreiert, in die unterschiedliche Personen dann aufgrund bestimmter individueller Eigenschaften besonders leicht reinschlüpfen oder gedrängt werden. Was wir z.B. sehr oft im Schulkontext erleben ist, dass es zu dem sogenannten „Sündenbock-Phänomen“ kommt. Dass bestimmte Schülerinnen, insbesondere solche mit Verhaltensschwierigkeiten, von der ganzen Gruppe bzw. Klasse in eine Sündenbockrolle hineingedrängt werden. Und das passiert mehr oder weniger unbewusst. Das merken die Personen gar nicht, die daran beteiligt sind, sondern das entwickelt sich fast schon automatisch. Und wenn man als Lehrkraft lernt, diese Sündenbock-Dynamik besser zu erkennen, eine Sensibilität dafür bekommt, dann kann man auf so eine Entwicklung, die für das gesamte Schulklima toxisch ist, die sehr oft zu Mobbing führt, viel besser reagieren. Das heißt in einer Weise, die die Klassengemeinschaft positiv beeinflusst, indem sie die Sündenböcke aus ihren Rollen befreit. Und eine positive Klassengemeinschaft hat wiederum einen stark positiven Einfluss auf die emotionale und soziale Entwicklung aller Schüler*innen, nicht nur von denen mit Verhaltensschwierigkeiten.

Das klingt nach einer Fortbildung, für die Lehrkräfte einen langen Atem brauchen.

Eine gruppenanalytische Fortbildung ist natürlich etwas, das seine Zeit braucht. Aber wenn man das einmal begonnen hat, merkt man schnell, dass man plötzlich auch viel Unterstützung erhält und nicht mehr alleine ist. Wir alle kämpfen mit ähnlichen Problemen in unserem Berufsalltag, viel mehr als die meisten Leute das glauben, und das ist auch unter Lehrkräften nicht anders. Diese unterstützende Kooperation führt auch zu einer deutlichen Entlastung und mehr Solidarität im Kollegium. Ich biete ja auch Schulcoachings an. Hier geht es hauptsächlich darum, im Lehrkräftekollegium eine gruppenanalytische Arbeitsweise und Haltung zu etablieren, mit der man es besser schafft, mit den vielen Problemen, die im Schulalltag entstehen, zu Kolleginnen und Kollegen gehen zu können und diese Probleme gemeinsam zu lösen. Das Ziel ist ein besseres Arbeitsklima in der gesamten Schule. Das ist möglich!

Mehr erfahren:

Edkimo und Teacher-PROGRESS kooperieren bei der Entwicklung von Schülerfeedback-Instrumenten. Mehr Infos zu Teacher-ProGRESS oder kontaktieren Sie Dr. Lars Dietrich direkt per E-Mail. Wenn Sie die Feedback-App Edkimo kostenlos und unverbindlich ausprobieren möchten, registrieren Sie sich einfach hier.